Mieses Karma

10 11 2009

Nach knapp siebzehn Stunden Fahrt mit dem Zug im Liegewagen (wir lagen diesmal mit zwei Spanierinnen zusammen, bei denen wir uns nicht sicher waren, ob ihre Zuneigung nicht weit ueber Freundschaft hinausging) kamen wir in Agra an. Wir hatten den fatalen Fehler begangen, nichts zum Essen fuer den Zug zu besorgen und den noch fataleren Fehler, unser Missgeschick erst zu bemerken, als sich die ganzen durch den Zug laufenden Verkaeufer schon zur Ruhe begeben hatten. So war unser Hunger enorm gross, als wir Agra erreicht hatten und das erste was wir dort taten, ein kleines Fruehstueck zu uns zu nehmen. Danach ging es dann gleich mit der Riksha auf Hotelsuche. Nach ueber einem Monat Indien war unser Sparfimmel schon so ausgepraegt, dass wir nicht einmal davor zurueckschreckten, das wohl grindigste, aber auch billigste Zimmer in ganz Agra zu beziehen, nur weil es um 50 Rs weniger kostete, als die uebrigen Zimmer, die wir besichtig hatten. Das wohl markanteste an diesem Zimmer war das Loch in der Wand, das erst nach dem ersten Mal Duschen in unserer neuen Bleibe Sinn machte. Denn im Bad gab es keinen Abfluss, also keinen Abfluss im herkoemmlichen Sinne, sondern abermals ein kleines Loch in der Wand. Das Bloede war nur, dass das Wasser zu diesem Loch einen zu weiten Weg haette zuruecklegen muessen, den es kaum bewaeltigen konnte. Und so lief der Grossteil des Wassers unter der Badezimmertuere hinaus ins Zimmer hinein und quer hindurch bis zum Loch in der Wand und von dort in die freie Natur. So hat halt alles seinen Sinn. Obwohl, den Sinn des Gitters ueber unserer Tuere, das es unzaehligen Muecken erlaubte, uns in der Nacht zu belaestigen und den Sinn der kaputten Klospuelung, die es uns nach zwei Naechten fast unertraeglich machte, das Klo zu betreten, hab ich bis heute noch nicht entdecken koennen.

Nach unserer Zimmerbeziehung entschlossen wir uns, doch mal Pizza zu essen, unser Minifruehstueck hatte uns nicht wirklich befriedigt. Also wurden wir per Riksha zum Pizza Hut gebracht, wo wir „delicious Pizza“ zu uns nahmen. Danach konnten wir uns gestaerkt auf unsere Sightseeing-Tour begeben. Diese bewaeltigten wir mittels eines sozusagen privaten Rikshafahrers, der uns zuerst zum Agra Fort, dann zum Little Taj Mahal und dann noch zu einem Platz brachte, wo man das Taj Mahal von hinten bewundern konnte. Eigentlich wollten wir unseren Tag dann noch gemuetlich im Kino ausklingen lassen, aber als unsere Riksah das Kinogebaeude erreicht hatte, wurde uns eines klar: Kino ist in Indien reine Maennersache. Innerhalb weniger Sekunden war unsere Riksha von den uebrigen, ausschliesslich maennlichen, potentiellen Mitkinogehern umrundet und wir wurden genauestens begutachtet. Bei dem Gedanken als einzig weibliche Wesen mit diesen Maennern den Kinosaal zu teilen war uns nicht so ganz wohl, also liessen wir den Riksahfahrer uns wieder zurueck zum Hotel geleiten.

Auch am naechsten Tag war uns das Glueck nicht hold und wir begannen allmaehlich zu glauben, zu viel schlechtes Karma gesammelt zu haben, als wir immer wieder das Bitten der Bettler aus lauter Geiz ignoriert hatten. Zunaechst begann der Tag nicht einmal so schlecht, denn wir kamen abermals in den Genuss eines privaten Rikshafahrers, der uns anbot, den ganzen Tag herumzuchauffieren. Unsere erste Station sollte das Postamt sein, wir wollten ueberschuessiges Gepaeck los werden. Doch in Indien ist das mit dem Schicken nicht so einfach. Denn man kann nicht einfach hingehen zum Postamt, ihnen die Sachen in die Hand dreucken und sie geben die ein Paket, sondern du musst die Sachen einnaehen lassen. Also brachte uns der Rikshafahrer zu einem Laden, wo uns dieser Service angeboten wurde. Eine dreiviertel Stunde dauerte die ganze Prozedur, bis wir dann unsere Sachen gut verpackt (dachten wir zumindest, bis wir letzte Woche die Mitteilung von Veras Eltern bekamen, dass es kompett durchnaesst war) in Stoff genaeht in der Hand hielten. Da die ganze Angelegenheit nicht so ganz billig war, war unsere naechste Station logischerweise der ATM. Doch komischerweise schien an diesem Tag der Grossteil der ATMs in Agra lahmgelegt gewesen zu sein. Hier wurden wir schon das erste Mal misstrauisch, als wir durch halb Agra fahren mussten, um endlich einen funktionierenden Bankomaten zu finden. Hier kam das erste Mal das Stichwort „mieses Karma“ auf. Leider war damit unsere Pechstraehne noch nicht aus, denn als naechstes mussten wir zur Post, um das schoen angefertigte Paket auch wirklich abzuschicken. Doch auf der Post wurde uns mitgeteilt, dass die fuer Paketverschickungen zustaendige Person an diesem Tag frei hatte. Und keine andere Person konnte die Aufgabe der zuvor genannten Person uebernehmen, die es schlichtweg gewesen waere, den Sachen, die sich im Paket befinden, ein OK zu geben. Schon etwas niedergeschlagen stoppten wir bei unserer vierten Station, dem Bahnhof, wo wir Tickets zurueck nach Delhi fuer den naechsten Tag (8.10.09) erstehen wollten. Immerhin hatten wir einen Flug zu erwischen. Doch wie koennte es an einem Tag, an dem das Miese Karma Oberhand gewonnen hat, anders sein, es gab natuerlich keine Tickets mehr. Noch niedergeschlagener versuchten wir danach noch, das Packet vielleicht doch an den Mann zu bringen und besuchten die bahnhofseigene Post. Natuerlich vergebens. Es war zum aus der Haut fahren, dem Rikshafahrer taten wir schon ziemlich leid. Aber es half alles nichts und wir fuehrten tortz aller Misserfolge unser geplantes Tagesprogramm weiter, das uns in die Geisterstadt „Fatehpur Sikri“ fuehrte. Auf der Hinfahrt mit dem Bus wurden wir wieder einmal von einem Inder angequatscht. Seine Fragen waren im Wesentlichen: „Are you married?“; „Do you have a boyfriend?“; „What’s your father’s name?“ (wohlgemerkt, unsere Namen schienen ihn nicht wirklich zu interessieren). Wir bloggten dann ab, bevor er vielleicht auch noch nach unserer Kreditkartennummer gefragt haette und ignorierten ihn den Rest der Fahrt. Wir verbrachten den ganzen restlichen Nachmittag in der Geisterstadt, die mit ihrer Groesse und Architektur ein sehr beeindruckendes Bild abgab. Als wir wieder zurueck in Agra waren, gingen wir noch essen (was wieder Stunden in Anspruch nahm, da die indische Kueche nicht die allerschnellste ist, auch Cornflakes koennen bis zu einer Stunde brauchen, um angerichtet zu werden) und danach gleich ins Bett, denn der naechste Tag war DER Tag. Wir hatten uns den Hoehepunkt unserer Indienreise fuer den Schluss aufgehoben. Denn am Morgen des 8.10.2009 wurden puenktlich zu Sonnenaufgang wir selbst Teil der Schlange vor dem Taj Mahal, die wir die zwei Tage zuvor immer nur aus der Ferne beobachtet hatten. Da es ja noch sehr Frueh war, war sie aber nicht allzu lang und wir durften schon nach kurzer Zeit durch das Tor schlendern, das uns noch vom Taj trennte. Der Anblick des  „schwebenden“ weissen Gebaeudes liess uns teils den Atem stocken, auch wenn wir es zuvor schon so oft auf diversen Bildchen bewundern konnten. Doch wenn man dann mal in echt davorsteht, wenn das Taj zum Greifen nahe ist, wenn man es aus jedem Blickwinkel fotografieren darf (mehrere selbsternannte Helfer weisen dich zu Plaetzen, an denen man besonders tolle Fotos machen kann, und verlangen danach Geld dafuer; immerhin zahlen die Inder auch nur 20 Rs Eintritt, waehrend die Touristen 750 Rs hinblaettern muessen, so koennen sich die meisten diesen Arbeitsplatz locker leisten),wenn man es mal aus der Naehe betrachten kann und all die Verzierungen und die Arbeit, die dahintersteckt erkennt, ist das natuerlich nicht zu vergleichen mit Bilder anschauen. Und seit diesem Tag gibt es natuerlich Unmengen an Ruth-vor-Taj-Mahal, Vera-vor-Taj-Mahal und Vera-und-Ruth-vor-Taj-Mahal-Fotos und wir kamen an diesem Tag wieder einmal zu dem Entschluss, dass es nichts besseres gibt, als in der Welt herumzureisen🙂


Aktionen

Information

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s




%d Bloggern gefällt das: